Alles auf Niedrigzins?

Wohin führt der Versuch, durch niedrige Zinsen den Finanzmarkt zu stabilisieren?


Von Dr. Helmut Aden, Vorstand Verband der Firmenpensionskassen e.V. (VFPK) und Vorstand BVV Versicherungsverein des Bankgewerbes a.G. (BVV)

In der letzten Zeit gab es für Menschen, die noch an einfache und robuste Marktmechanismen glauben, eine Menge verwirrender Nachrichten: In einem ausgeprägten Krisenumfeld lässt die Ankündigung der Zentralbank Geld zu drucken, die Börsen in Japan auf Bergfahrt gehen. Gute Konjunkturdaten und eine Reduzierung der Arbeitslosenquote führen hingegen an anderen Orten zu einer Talfahrt aus Sorge, dass billig bereitgestelltes Geld demnächst wieder entzogen wird.

Marktbewertungen orientieren sich inzwischen leider nicht mehr an der Substanz der gehandelten Werte, sondern vor allem daran, wie lange die Notenbanken die Geldschleusen geöffnet halten. Und bei aller Klarsicht der Marktteilnehmer, dass Geldpolitik kaum strukturelle Probleme lösen kann, zählt weiterhin die alte Weisheit: „Jeder muss tanzen, solange die Musik spielt“.

Vertreter der kapitalgedeckten betrieblichen Altersversorgung beobachten diese Entwicklung mit wachsender Sorge. Seit dem Jahr 2008 haben alle wichtigen Notenbanken der westlichen Industrieländer die Leitzinsen auf nahezu Null gebracht. Daneben wurde – entweder über direkte Ankaufprogramme der Notenbanken oder über die Vergabe kurzfristiger Refinanzierungsmöglichkeiten - das Zinsniveau bei Staatsanleihen, Pfandbriefen und Corporates auch am langen Ende auf ein historisches Niveau gedrückt. Damit folgt neben allen Anderen auch Deutschland inzwischen einem Weg, der in Japan vor mehr als 20 Jahren eingeschlagen wurde und dort zu einem Kapitalanlageumfeld von Deflation, fehlender Investitionsbereitschaft und fehlendem Strukturwandel geführt hat.

Die laufenden Eingriffe in die Funktionsweise der Märkte werden inzwischen immer mehr zu einer Belastung für die Menschen, die sich ihrer Eigenverantwortung bewusst sind und erhebliche Teile ihres laufenden Einkommens für ein ausreichendes Alterseinkommen sparen. Über die Notwendigkeit kapitalgedeckter Altersvorsorge und den weiteren Ausbau des „Sparens für das Alter“ besteht gesellschaftlicher, politischer und wissenschaftlicher Konsens. Die Lücke, die es zu schließen gilt, ist immens. Erhält derzeit ein Rentner laut Alterssicherungsbericht noch durchschnittlich 1.037 Euro aus der gesetzlichen Rentenversicherung, so wird sich das Absicherungsniveau in den nächsten Jahren weiter dramatisch reduzieren. Heute soll das Sicherungsniveau für so genannte Neurentner nach idealtypischen 45 Beitragsjahren noch ca. 50 Prozent ihres letzten Gehaltes betragen. Tatsächlich ist die durchschnittliche Beginnrente in den alten Bundesländern im Jahr 2011 hiermit auf 655 Euro pro Monat gesunken. Ein weiteres Absinken des Alterssicherungsniveaus in der gesetzlichen Rentenversicherung auf 43 Prozent im Jahr 2030 ist beschlossen. Am stärksten betroffen sind hiervon nicht nur Geringverdiener und Erwerbstätige mit unterbrochenen Erwerbsbiographien, sondern durchaus auch Besserverdienende, deren Gehalt nur bis zur gesetzlichen Beitragsbemessungsgrenze (aktuell: 5.800 Euro pro Monat) anwartschaftssteigernd in der staatlichen Rente berücksichtigt wird.

Zusätzliches Sparen ist heute also dringender denn je. Einrichtungen der kapitalgedeckten (betrieblichen) Altersversorgung bieten ihren Versicherten und Mitgliedern die Möglichkeit, durch einfaches, kollektives Sparen fürs Alter Lücken, die sich aus dem demographischen Wandel und der Rücknahme der gesetzlichen Rente ergeben, aufzufüllen. Damit diese Art der Vorsorge jedoch weiter akzeptiert wird, müssen die für den Lebensabend gesparten Gelder eine ausreichende Rendite erzielen können. Erst hierdurch kann die Bereitschaft entstehen auf Konsum heute zu verzichten, um die Existenzgrundlagen morgen zu sichern.

Die aktuell von Notenbanken und Regierungen betriebene Politik – je nach Geschmack als quantitative easing oder financial repression bezeichnet - führt jedoch dazu, dass Geld nicht mehr gespart werden muss, sondern direkt aus der Notenpresse fließt. Private Sparer wie institutionelle Anleger agieren auf dem Anlagemarkt in direkter Konkurrenz mit den Zentralbanken, die den Markt mit praktisch kostenlosem Geld überschwemmen. Sparen erfüllt seinen Zweck nicht mehr. Wer für den Lebensabend Eigenvorsorge betreibt, erhält keinen ausreichenden Ertrag.

Natürlich muss die Politik im Notfall Maßnahmen ergreifen, die geeignet sind, Kapitalmärkte und Finanzsysteme zu stabilisieren. Allerdings sind die gewählten Maßnahmen inzwischen mit weitreichenden Risiken für das Funktionieren des Systems verbunden. Die Überflutung der Märkte mit Liquidität führt zu vollständigen Marktverwerfungen und zu einer Fortsetzung des „boom and bust“ der vergangenen Jahre. Langfristig verhindert dies eine stetige und planbare Entwicklung der Wertschöpfung durch Kapitalerträge und die notwendige Beteiligung weiter Bevölkerungsschichten am Aufbau von Altersvermögen.

Der Finanzwissenschaftler Prof. Jörg Rocholl hat am Beispiel der USA in den 2000-er Jahren die Zusammenhänge dargelegt. Nach dem Platzen der Dotcom Blase und den Terroranschlägen vom 11. September hat die Federal Reserve, ähnlich wie die EZB heute, eine über mehrere Jahre anhaltende Niedrigzinspolitik betrieben. In der Folge war zu viel Kapital auf dem Markt, das auf der Suche nach Anlagemöglichkeiten mit attraktiven Renditen war. Das hat zu Spekulationen im Immobilienbereich und zur Immobilienblase geführt, deren Platzen für die Krise der Finanzmärkte mitverantwortlich war. Welche Konsequenzen das für die Stabilität der Finanzmärkte hatte, muss hier nicht mehr geschildert werden.

Darüber hinaus wächst die Gefahr, dass der aktuell eingeschlagene Weg dauerhaft nicht mehr verlassen werden kann. Langfristige Investitionsentscheidungen in Hypotheken, Infrastruktur und Staatsanleihen werden in vielen Fällen auf Basis des künstlich niedrig gehaltenen Zinsniveaus getroffen und nur kurzfristig mit Zentralbankkrediten refinanziert. Die EZB fordert durch ihre aktuelle Geldpolitik geradewegs zu Fristentransformationen auf. Jede marginale Zinsanhebung auf der Refinanzierungsseite wird dann aber dazu führen, dass z.B. Einrichtungen, die langfristige Darlehen (gegen geringe Zinsen) vergeben, sofort in Schieflage geraten, weil bei einer Zinsanhebung die niedrigen Erträge die Kosten einer dauerhaften Refinanzierung nicht decken können. Damit werden die Fehler der Vergangenheit wiederholt und nun langfristig in das System einprogrammiert.

Angesichts der massiven Eingriffe in das Finanzmarktsystem muss den Entscheidungsträgern deutlich gemacht werden, dass Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, die – auch auf Aufforderung der Politik – erhebliche Anstrengungen in den vergangenen Jahren unternommen haben, um durch Sparen und Kapitaldeckung die entstehenden Lücken der gesetzlichen Rentenversicherung auszugleichen, durch die aktuelle Politik schwer geschädigt werden. Politik und EZB müssen bei ihren Entscheidungen wieder stärker berücksichtigen, dass sich „Sparen fürs Alter“ lohnen muss. Das ist nicht nur im Interesse der Versicherten und Rentner, sondern auch der Sozialkassen, für deren nachhaltige Stabilisierung eine funktionierende kapitalgedeckte Altersvorsorge essentiell ist.